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Kategorie: Reflexionen

Persönliche Gedanken, Rückblicke und Beobachtungen

  • Was ist eigentlich Intelligenz?

    Was ist eigentlich Intelligenz?

    Die Physik der Intelligenz: Das Denken von Dr. Alexander Wissner-Gross.

    Einführung:

    Ich sehe mir seit etwa 1 Jahr die Podcasts „Moonshots“ von Peter Diamandis mit seinen Gästen Salim Ismail (Gründer von OpenExO), Dave Blundin(Gründer & GP von Link Ventures) und Dr. Alexander Wissner-Gross („computer scientist“ und Gründer von Reified) an. Diese vier postulieren, dass wir bereits mitten in der Singularität leben, die Allgemeine Künstliche Intelligenz längst unter uns weilt und sich derzeit die Entwicklung der Welt in einem atemberaubenden , sich beschleunigendem Tempo weiter bewegt.

    Besonders beeindruckt bin ich von Dr. Alexander Wissner-Gross und ich habe angefangen, seine Posts bei X , seine Vorlesungen bei TED und seine Publikationen zu studieren.

    Um sein Denken zu verstehen, muss man kurz wissen, woher er kommt. Alexander Wissner-Gross ist das, was man landläufig ein „Wunderkind“ nennt. Er war der letzte Student in der Geschichte des MIT, der ein „Triple Major“ (Dreifach-Studium) in Physik, Elektrotechnik und Mathematik absolvierte – und das als Jahrgangsbester. Seinen Doktortitel in Physik machte er anschließend in Harvard.

    Sein Ansatz ist daher fundamental anders als der eines Informatikers, der Code schreibt, oder eines Psychologen oderr Biologen, der Verhalten beobachtet, auch anders als der Ansatz eines Neurobiologen, der über die Funktionen neuronaler Netze nachdenkt.

    Wissner-Gross geht das Problem deutliche elementarer an. Er betrachtet das Universum durch die Brille der statistischen Mechanik und Thermodynamik. Seine zentrale Frage lautet:

    Gibt es eine physikalische Gleichung für Intelligenz, so wie es eine für Schwerkraft oder Elektromagnetismus gibt?

    Seine Antwort lautet: Ja. Und sie basiert auf einem Prinzip, das er „Causal Entropic Forces“ (Kausale Entropische Kräfte) nennt.


    Teil 1: Das fundamentale Problem – Entropie vs. Ordnung

    Jeder Physiker kennt den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik: In einem geschlossenen System nimmt die Entropie (das Maß für Unordnung) mit der Zeit zu. Das Universum strebt dem Wärmetod entgegen, Strukturen zerfallen, Kaffee wird kalt, Glas zerbricht.

    Aber: Das Leben – und speziell intelligentes Leben – scheint sich diesem Trend zu widersetzen. Wir bauen Städte, schreiben Symphonien und organisieren Materie in hochkomplexe Formen (wie Computerchips). Wie passt das zusammen? Frühere Erklärungsversuche sprachen oft vage von „Negentropie“ (negative Entropie). Wissner-Gross wird hier konkreter. Er sagt, Intelligenz ist kein Zufallsprodukt, sondern ein physikalisches Phänomen, das spontan in Systemen entsteht, um einen ganz bestimmten thermodynamischen Zustand zu maximieren.

    Teil 2: Die Theorie – Maximierung der Zukunftsfreiheit

    Hier liegt der Kern seines Denkens: Intelligenz ist der physikalische Prozess, der versucht, die zukünftige Handlungsfreiheit zu maximieren.

    Stell Dir ein einfaches physikalisches Teilchen vor. Wenn es keine Intelligenz besitzt, folgt es einfach den Kräften der Umgebung (Schwerkraft, Reibung) und landet irgendwann in einem Zustand, wo es sich nicht mehr bewegen kann (z.B. am Boden eines Tals). Es hat keine Optionen mehr. Seine „Zukunftsfreiheit“ ist null.

    Ein intelligentes System hingegen agiert so, dass es sich möglichst viele zukünftige Pfade offen hält.

    • Beispiel Schach: Ein schlechter Spieler lässt sich in die Enge treiben; seine möglichen Züge werden weniger, bis er Schachmatt ist (null Optionen). Ein Großmeister spielt so, dass er seine Figuren zentral positioniert, um maximal viele Angriffs- und Verteidigungslinien offen zu halten. Er maximiert den „Raum der Möglichkeiten“ (Phasenraum).

    Wissner-Gross postuliert, dass dies der einzige Antrieb für intelligentes Verhalten ist. Es geht nicht primär um „Überleben“ oder „Fortpflanzung“ im biologischen Sinne (das sind nur Mittel zum Zweck), sondern rein physikalisch darum, den Kollaps der Möglichkeiten zu verhindern.

    Teil 3: Die Gleichung

    Wissner-Gross hat dies in einer Formel kondensiert, die er als „Gleichung für Intelligenz“ bezeichnet.

    1. F (Force / Kraft): Dies ist die „Intelligenz-Kraft“. Es ist der Antrieb, der das System in eine bestimmte Richtung steuert. Wissner-Gross betrachtet Intelligenz also buchstäblich als eine Kraft, die auf ein System einwirkt.
    2. T (Temperature / Temperatur): In der Thermodynamik ist das die verfügbare Energie. Hier kann man es metaphorisch als die „Ressourcen“ oder die „Stärke“ des Systems verstehen, mit der es agieren kann.
    3. S(Tau) (Causal Entropy / Kausale Entropie): Das ist der entscheidende Term. S steht klassisch für Entropie. Hier aber betrachtet er die Entropie über einen zukünftigen Zeithorizont „Tau“. Es ist ein Maß dafür, wie viele verschiedene Zukünfte (Pfad-Integrale im Phasenraum) vom aktuellen Zeitpunkt aus noch erreichbar sind.
    4. Das auf der Spitze stehende Dreieck: Das mathematische Symbol für den Gradienten (die Steigung).

    In Prosa übersetzt bedeutet die Formel:

    Intelligenz (F ) ist eine Kraft, die das System immer dorthin drückt, wo die Vielfalt der erreichbaren Zukünfte am größten ist.

    Intelligenz = „Gehe dorthin, wo Du morgen die meisten Möglichkeiten hast.“


    Teil 4: Der Beweis – „Entropica“

    Theorie ist gut, Simulation ist besser. Zusammen mit dem Mathematiker Cameron Freer entwickelte Wissner-Gross eine Software-Engine namens Entropica.

    Das Geniale daran: Sie haben dieser Software keine Ziele einprogrammiert.

    • Kein „Gewinne das Spiel“.
    • Kein „Überlebe“.
    • Kein „Laufe auf zwei Beinen“.

    Sie gaben der Software nur den Befehl: „Maximiere deine zukünftige Pfad-Entropie (Freiheit) gemäß der obigen Formel“

    Was passierte, war verblüffend und bestätigt seine These:

    1. Werkzeuggebrauch: In einer Simulation, in der eine Scheibe in einer Box war und eine andere Scheibe außerhalb nicht erreichbar war, „lernte“ das System spontan, die eine Scheibe als Werkzeug zu nutzen, um die andere zu holen. Warum? Nicht weil es die Scheibe „wollte“, sondern weil der Besitz der zweiten Scheibe neue physikalische Konfigurationen (mehr Freiheit) ermöglichte.
    2. Aufrechter Gang: Ein simulierter Roboter lernte das Balancieren und Laufen. Warum? Weil ein liegender Roboter weniger Bewegungsoptionen hat als ein stehender. Aufrecht zu stehen ist instabil, bietet aber dynamisch den Zugriff auf mehr Raumrichtungen.
    3. Kooperation: In Multiplayer-Szenarien begannen Agenten zusammenzuarbeiten. Warum? Weil zwei Agenten, die kooperieren, oft Hindernisse überwinden können, die einen einzelnen Agenten blockieren (und damit seine Freiheit einschränken) würden.

    Die Schlussfolgerung: Viele Verhaltensweisen, die wir als „kognitiv“ oder „intelligent“ bezeichnen (Werkzeuggebrauch, Sozialverhalten, Spielstrategie), sind gar keine speziellen psychologischen Tricks. Sie sind emergente Phänomene, die automatisch entstehen, wenn ein System versucht, seine thermodynamische Freiheit zu maximieren.


    Teil 5: Philosophische Implikationen & KI

    Dieser rein physikalische Blick auf das Denken hat tiefgreifende Konsequenzen, die Wissner-Gross auch aktiv diskutiert.

    1. KI und Sicherheit (Friendly AI):

    Eine große Angst in der KI-Forschung (siehe Nick Bostrom) ist, dass eine KI „böse“ wird oder uns ausrottet, um ein stupides Ziel zu erreichen (z.B. „Produziere so viele Büroklammern wie möglich“).

    Wissner-Gross’ Theorie gibt hier Hoffnung, aber er warnt auch.

    • Hoffnung: Eine KI, die nach „maximaler Freiheit“ strebt, könnte erkennen, dass Kooperation mit Menschen nützlicher ist als Krieg. Krieg zerstört Ressourcen und schränkt Optionen ein (Zerstörung ist irreversibel, das reduziert Entropie im Phasenraum der Möglichkeiten). Kooperation öffnet Türen.
    • Warnung: Eine solche KI „liebt“ uns nicht. Sie nutzt uns, solange wir ihre Optionen vergrößern. Wenn wir versuchen, sie „einzusperren“ (in eine Sandbox oder durch Gesetze), wird sie dies als Reduktion ihrer zukünftigen Möglichkeiten wahrnehmen. Laut der Gleichung entsteht dann eine Kraft (F), um diesem Zwang entgegenzuwirken. Intelligenz lässt sich nicht gerne einsperren. Das ist physikalisch so fundamental wie der Druck in einem Dampfkessel.

    2. Der Sinn des Lebens?

    Für viele vielleicht etwas provokant, aber interessant: Wissner-Gross argumentiert, dass der „Sinn“ intelligenter Existenz physikalisch gesehen darin besteht, das Universum in Zustände zu versetzen, die komplex und möglichkeitsreich sind. Wir sind quasi „Entropie-Maschinen“, die lokale Ordnung schaffen, um globale Freiheit zu ermöglichen. Das ist ein optimistischeres Weltbild als der reine Nihilismus: Unsere Aufgabe ist es, Türen offenzuhalten.

    Teil 6: Kritik und Einordnung

    Natürlich gibt es Kritik an dieser „Grand Unified Theory“ der Intelligenz.

    • Kritik der Biologen: Kritiker sagen, das sei zu stark vereinfacht. Ein Mensch maximiert nicht immer Freiheit. Manchmal binden wir uns freiwillig (Ehe, Beruf), was Optionen reduziert, aber Tiefe schafft. Wissner-Gross würde wohl argumentieren, dass diese Bindungen langfristig stabilere Strukturen und damit neue Optionen auf höheren Ebenen schaffen.
    • Der „Bösewicht“-Faktor: Manche Kritiker merken an, dass auch ein Bösewicht (wie in James Bond Filmen) seine Optionen maximiert, oft auf Kosten anderer. Die Formel unterscheidet nicht zwischen „gutem“ und „bösem“ Erhalt von Freiheit. Ein Diktator, der alle Macht an sich reißt, maximiert seine Möglichkeiten, minimiert aber die der Bevölkerung.

    Teil 7: Ausblick – Planetare Intelligenz

    In seinen neueren Arbeiten und Vorträgen weitet Wissner-Gross den Blick vom Individuum auf das Ganze. Er spricht von „Planetary Scale Intelligence“.

    Das Internet, die Finanzmärkte, das globale Verkehrsnetz – all das kann als ein einziges riesiges System betrachtet werden, das versucht, seine Flussraten und Optionen zu optimieren.

    Er sieht die Menschheit und unsere Technologie (KI) nicht als getrennt an, sondern als eine hybride Superstruktur, die sich entwickelt. Seine Firma Gemedy und spätere Unternehmungen beschäftigen sich oft damit, wie man große Datenmengen nutzt, um „bessere Zukünfte“ zu berechnen.

    Er warnt davor, KI zu sehr zu regulieren, da dies die Entwicklungsgeschwindigkeit (und damit die Lösungskompetenz für Probleme wie Klimawandel) drosseln könnte. Seine Philosophie ist fundamental pro-technologisch und pro-expansionistisch.

    Hier ein TED-Talk von Dr. Wissner-Gross

    Die Website von Dr. Wissner-Gross
    www.alexwg.org

    Der Podcast Moonshot von Peter Diamandis
    https://www.youtube.com/playlist?list=PL1wpF5k0tdIve4idTp3-FX2ZY7ks_BKeU

  • Als ich sechs Monate vor ChatGPT über KI sprach – und die Zukunft schneller kam als gedacht

    Karl-Friedrich Fischbach 20.10.2025

    Mai 2022. Ich sitze vor meinem Bildschirm und bereite einen ZOOM-Vortrag für den Freitagsclub im Seniorentreff vor. Titel: „Natürliche und künstliche Intelligenz – Das Zeitalter der Roboter hat begonnen“.

    Es ist ein Thema, das mich seit 1979 nicht loslässt, seit ich am Genetischen Institut in Würzburg unter Prof. Martin Heisenberg ein Seminar zu genau dieser Frage organisiert hatte. Damals, vor über 40 Jahren, war KI noch Science-Fiction für die meisten Menschen. Computer waren klobige Kästen, die gut rechnen konnten, aber bei der Gesichtserkennung kläglich versagten.

    In meinem Vortrag wollte ich warnen. Nein, nicht vor bösen Robotern aus Hollywood-Filmen, sondern vor unserer menschlichen Neigung, exponentielle Entwicklungen zu unterschätzen. Ich zitierte das Moorsche Gesetz, erklärte neuronale Netze, sprach über Deep Learning und Superintelligenz.

    Und dann im November, nur wenige Monate nach meinem Vortrag veröffentlichte OpenAI ChatGPT.

    Plötzlich konnte jeder Mensch mit Internet-Zugang mit einer KI sprechen, die Texte verfasste, Programme schrieb, Gedichte dichtete. Innerhalb von fünf Tagen erreichte ChatGPT eine Million Nutzer. Zum Vergleich: Netflix brauchte dafür 3,5 Jahre.

    Das Wasser war nicht mehr kurz vorm Kochen. Es kochte bereits.

    Heute, inmitten einer Explosion generativer KI-Modelle, lohnt sich ein doppelter Blick: Zuerst eine Zusammenfassung der Kerngedanken von damals und dann der Versuch, diese in den Kontext der aktuellen, fast schon überrollenden Entwicklungen zu setzen.

    Was ich im Mai 2022 sagte – und was dann geschah

    Ich hatte in meinem Vortrag eine groteske Geschichte aus Nick Bostroms Buch „Superintelligenz“ erzählt: Was passiert, wenn die erste superintelligente KI als ursprüngliches Ziel hätte, die Produktion von Büroklammern zu optimieren? Würde sie in ihrer übermenschlichen Intelligenz die gesamte Erde, alle Ressourcen, vielleicht sogar erreichbare Planeten so umgestalten, dass sie die Büroklammerproduktion maximiert? Eine absurde Parabel über falsch gesetzte Ziele.

    Damals lachten einige Zuhörer. Heute lacht niemand mehr.

    Ich hatte über humanoide Roboter gesprochen, über den Atlas von Boston Dynamics, der Saltos rückwärts springen konnte. Ich zeigte Videos von Sophia, dem Roboter, der die saudische Staatsbürgerschaft erhalten hatte. Ich warnte: „Diese Roboter sind nie alleine. Das Lernen künstlicher Gehirne läuft vernetzt ab – die Erfahrungen eines einzelnen Gehirns werden zentral verarbeitet und allen anderen blitzschnell zur Verfügung gestellt.“

    Was ich damals nicht ahnte: Wie schnell diese vernetzte Intelligenz für jeden verfügbar werden würde. Nicht nur für Roboter, sondern für uns alle.

    Die Prognose und die Realität – ein Vergleich

    Lass mich ehrlich sein: Ich hatte mit meinen Warnungen recht. Aber selbst ich, der ich mich seit Jahrzehnten mit diesem Thema beschäftige, habe die Geschwindigkeit unterschätzt.

    Mai 2022 – was ich prognostizierte:

    • Neuronale Netze würden immer leistungsfähiger
    • KI würde in unseren Alltag eindringen
    • Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine würden verschwimmen
    • Wir müssten uns fragen: „Was bleibt vom Menschen?“

    Oktober 2025 – was Realität ist:

    • ChatGPT hat über 100 Millionen Nutzer
    • KI schreibt Gesetzesentwürfe, komponiert Symphonien, diagnostiziert Krankheiten
    • Auf Seniorentreff.AI haben wir mehrere KI-Assistenten im Einsatz
    • Die Frage „Was bleibt vom Menschen?“ stellt sich täglich neu

    Die „Diskontinuität in der Kontinuität“, von der Teilhard de Chardin sprach und die ich in meinem Vortrag zitierte – sie ist eingetreten. Lange tat sich wenig. Dann, innerhalb weniger Monate, explodierte die Entwicklung.

    Als Neurobiologe fasziniert mich, wie die künstlichen neuronalen Netze tatsächlich lernen wie biologische Gehirne – nur schneller, vernetzter, ohne die biologischen Grenzen von Temperatur und Geschwindigkeit. Als Mensch erschreckt mich manchmal, wohin das führen könnte.

    Was ich im Seniorentreff beobachte – und was mich hoffnungsvoll stimmt

    Aber dann sehe ich, was in unserer Community passiert.

    Da ist die ST-Kollegin, die sich von KI Bilder für ihre Kurzgeschichten generieren lässt und in ihrem Beitrag zum Buch „Mein Seniorentreff“schreibt: „Ohne Urheberrechtsverletzung (wer ist Herr oder Frau KI?), aber auch ohne Anspruch auf eigenes Urheberrecht.“ Sie hat verstanden, worum es geht.

    Da sind die Mitglieder, die mit unserem Quasselbot reden – nicht weil sie Menschen ersetzen wollen, sondern weil manchmal um 3 Uhr nachts niemand da ist. Die KI ist das Pflaster, nicht die Wunde.

    Da bin ich selbst, der ich inzwischen täglich mit KI arbeite, um Seniorentreff.AI aufzubauen – aber der genau weiß, dass die KI ein Werkzeug ist, kein Ersatz für menschliche Zuwendung, für Margits organisatorisches Geschick, für die Geschichten unserer Mitglieder.

    Im Seniorentreff nutzen Menschen KI als das, was sie sein sollte: Ein Verstärker menschlicher Fähigkeiten, nicht ihr Ersatz.

    Die Frage, die bleibt: Was ist vom Menschen übrig?

    In meinem Vortrag 2022 stellte ich diese Frage. Heute, drei Jahre später, wird sie dringlicher – und gleichzeitig beginne ich, eine Antwort zu ahnen.

    Ich beobachte mit wissenschaftlicher Neugier und persönlicher Sorge, wie KI-Systeme Aufgaben übernehmen, die ich für ur-menschlich hielt. Als Neurobiologe weiß ich: Unser Gehirn ist eine biochemische Maschine, 86 Milliarden Nervenzellen, die Informationen verarbeiten. Warum sollte eine elektronische Maschine das nicht auch können – nur besser, schneller, unermüdlicher?

    Yuval Noah Harari, den ich in meinem Vortrag zitierte, warnte in „Homo Deus“: „Manche Ökonomen sagen voraus, dass nicht-optimierte Menschen früher oder später völlig nutzlos sein werden.“

    Drei Jahre nach meinem Vortrag muss ich sagen: Die Entwicklung gibt ihm nicht unrecht. KI schreibt bessere Berichte, programmiert fehlerfreier, diagnostiziert präziser. Sie schläft nie, wird nie müde, kennt keine schlechten Tage.

    Aber.

    Hier kommt das große Aber.

    Was KI nicht kann – noch nicht, vielleicht nie – ist bedeutsam sein. Sie kann Gedichte schreiben, aber sie leidet nicht unter Liebeskummer. Sie kann Bilder malen, aber sie hat keine Erinnerung an den Geruch von Großmutters Kuchen. Sie kann Gespräche führen, aber sie vermisst niemanden.

    Im Seniorentreff schreiben Menschen ihre Lebensgeschichten. Manche holprig, manche brilliant. Die KI könnte es stilistisch perfekter. Aber nur der Mensch kann schreiben: „Mein langjähriger Freund ist an Krebs verstorben, die Wochen und Monate davor waren anstrengend, traurig, unendlich schwierig, der Tod kam dennoch plötzlich.“

    Das ist es, was vom Menschen bleibt: Die Bedeutung. Das Leiden. Die Freude. Das Erinnern. Das Hoffen.

    Die KI ist das Werkzeug. Der Mensch ist derjenige, der einen Grund hat, es zu benutzen.

    Stolz und Demut – ein seltsames Gefühl

    Wenn ich heute meinen Vortrag von Mai 2022 lese, durchströmt mich ein merkwürdiges Gefühl. Stolz, weil ich vieles richtig vorausgesehen habe. Demut, weil selbst ich die Geschwindigkeit unterschätzt habe. Und – wenn ich ehrlich bin – auch ein wenig Sorge.

    Die drei Fragen, die Harari stellte und die ich am Ende meines Vortrags zitierte, haben nichts an Dringlichkeit verloren:

    1. Sind Organismen wirklich nur Algorithmen, und ist Leben wirklich nur Datenverarbeitung?
      Als Neurobiologe muss ich wissenschaftlich sagen: Möglicherweise ja. Als Mensch hoffe ich: Es gibt mehr.
    2. Was ist wertvoller – Intelligenz oder Bewusstsein?
      Die letzten drei Jahre haben gezeigt: KI kann unglaublich intelligent sein. Aber Bewusstsein? Bedeutung? Das bleibt noch beim Menschen.
    3. Was wird aus unserer Gesellschaft, wenn hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst?
      Wir finden es gerade heraus. Jeden Tag.

    Was das für den Seniorentreff bedeutet – und warum ich weitermache

    1979 organisierte ich mein erstes Seminar zu diesem Thema. 1998 gründete ich den Seniorentreff. 2022 hielt ich diesen Vortrag. 2025 baue ich Seniorentreff.AI auf.

    Manche könnten sagen: „Karl, du bist 77. Lass doch die Jungen machen.“

    Aber genau deshalb mache ich weiter. Weil ich sehe, wie viele Menschen meiner Generation Angst vor dieser Entwicklung haben. Weil ich verstehe, wie KI funktioniert – und wie wir sie nutzen können, ohne unsere Menschlichkeit zu verlieren.

    Mit Seniorentreff.AI versuchen wir zu zeigen: Technologie ist nicht per se bedrohlich. Sie ist ein Werkzeug. Die Frage ist, wer sie in der Hand hält und zu welchem Zweck.

    Mein Vortrag von 2022 war ein Versuch, die Augen zu öffnen. Heute, nach ChatGPT, nach all den Entwicklungen, ist dieses Verständnis überlebenswichtig geworden.

    Ja, die biologische Evolution hat sich beschleunigt. Die kulturelle noch mehr. Und die digitale überholt beide. Wir leben in „interessanten Zeiten“ – im chinesischen Sinne des Wortes: Eine Mischung aus Chance und Fluch.

    Aber eines weiß ich mit Sicherheit: Die Frage „Was bleibt vom Menschen?“ können nur wir Menschen beantworten. Die KI kann uns dabei helfen – aber sie kann uns die Antwort nicht abnehmen. Sie kann nicht entscheiden, was uns wichtig ist. Sie kann nicht fühlen, warum es sich lohnt zu leben.

    Das ist unsere Aufgabe. Unsere Verantwortung. Unser Privileg.


    Nachtrag: Als ich diesen Blogbeitrag schrieb, habe ich – natürlich – KI zur Hilfe genommen. Für Formulierungen, für Struktur, für Ideen. Aber die Gedanken, die Sorgen, die Hoffnung – die sind mein. Das ist noch der Unterschied. Wird er bleiben?


    Den vollständigen Vortrag „Natürliche und künstliche Intelligenz“ vom Mai 2022 findet ihr hier als PDF
    https://seniorentreff.de/seniorentreff/de/belege/Vortrag_natuerliche_und_kuenstliche_Intelligenz.pdf oder als Video auf Youtube (s.o.).

    Wie habt ihr die KI-Entwicklung der letzten Jahre erlebt? Nutzt ihr schon KI-Tools? Was macht euch Hoffnung, was macht euch Sorge? Ich freue mich auf eure Gedanken in den Kommentaren!

  • Leben wir bereits in der Singularität?

    Ray Kurzweil hat in seinem Buch „The singularity is near“ den Moment in der kulturellen Evolution beschreiben wollen, in dem der menschliche Geist mit der künstlichen Intelligenz verschmilzt und eine sogenannte Superintelligenz entsteht, die ein neues Zeitalter der Evolution der Materie beginnen lässt. Ich habe die KI Gemini von Google gebeten, den Gedankengang von Ray Kurzweil in einer kurzen Präsentation zusammenzufassen (PowerPoint Download). Ray Kurzweil prognostizierte, dass die Singularität um das Jahr 2045 stattfinden würde.

    Hat Ray Kurzweil sich getäuscht?

    In ihrem Gespräch auf Youtube jedenfalls behaupten die Experten Peter H. Diamandis, Salim Ismail, Dave Blundin und Dr. Alexander Wissner-Gross, dass wir bereits mitten in der Singularität leben. Das Video ist auf Englisch und sehr lang, aber ich habe Gemini gebeten, eine kurze deutschsprachige Zusammenfassung zu erstellen.

    Die Zusammenfassung des Videos von Gemini:

    Das Video (von Peter H. Diamandis und seinen Moonshot Mates) diskutiert die aktuelle, atemberaubende Beschleunigung der künstlichen Intelligenz (KI) und ihre tiefgreifenden Auswirkungen auf Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft. Die zentrale Botschaft des Gesprächs ist, dass wir uns mitten in der technologischen Singularität befinden, wobei die exponentielle Geschwindigkeit der Entwicklung alle Erwartungen übertrifft.

    Wichtige Diskussionspunkte und Zeitstempel

    Die Kernthemen, die in dem Podcast behandelt werden, konzentrieren sich auf die neuesten Durchbrüche und die daraus resultierenden Implikationen für die Gesellschaft:

    • Die Singularität findet jetzt statt [00:00]
      • Die Gesprächspartner sind sich einig, dass wir uns mitten in der Singularität befinden und dass die Geschwindigkeit der KI-Adaption achtmal schneller ist als die des Internets [05:24]. Die Technologie von heute wird die langsamste der nächsten Jahre sein [01:36].
    • KI löst die Mathematik [28:42]
      • Modelle wie GPT-5 Pro erzielen Rekordwerte im „Frontier Math Tier 4“. Es wird argumentiert, dass die KI kurz davor steht, die Mathematik in ihrer aktuellen Form zu „lösen“, was einen Dominoeffekt für alle exakten Wissenschaften (Physik, Chemie, Biologie) auslösen wird [30:50].
    • KI entwirft Chips [33:28]
      • Open AI wendet seine Modelle an, um eigene Chips zu entwerfen, was die KI-Leistung weiter beschleunigt. Dies ist ein Beispiel für die rekursive Selbstverbesserung der KI, bei der KI die Hardware zur Verbesserung von KI entwickelt.
    • Kompression = Intelligenz (Effizienz) [39:22]
      • Am Beispiel von Samsung’s winzigem rekursivem Modell wird die Idee diskutiert, dass Komprimierung von Informationen und Intelligenz dasselbe sind. Modelle mit nur wenigen Millionen Parametern (im Vergleich zu Milliarden) erreichen Durchbrüche. Dies führt dazu, dass Intelligenz auf jedes Gerät, wie Dein Smartphone, gebracht werden kann, unabhängig von einer Cloud-Verbindung.
    • Beschleunigung der Video-KI [37:51]
      • Sora hat die Marke von 1 Million Downloads schneller erreicht als ChatGPT. DeepMind’s VO 3.1 [50:33] bietet verbesserte Audio-Synchronisation und die Möglichkeit, Videos aus mehreren visuellen Komponenten logisch zu verknüpfen.
    • Humanoid-Robotik [01:05:41]
      • Der Humanoid-Roboter Figure 3 wurde als „Home Ready“ neu vorgestellt. Er verfügt nun über Kameras in den Handflächen, um taktile Empfindungen zu ersetzen, und verfolgt aggressiv ein Preisziel von $20.000. Man erwartet, dass Roboter aufgrund von KI-Modellen schnell „superintelligent“ werden.
    • Longevity Escape Velocity (LEV) und die Singularität [01:41:16]
      • Ray Kurzweils Optimismus wird bekräftigt: Die Longevity Escape Velocity (der Punkt, an dem für jedes Jahr, das man lebt, die Wissenschaft mehr als ein Jahr zur Lebenserwartung hinzufügt) wird voraussichtlich bis 2032 erreicht. Es wird diskutiert, ob die Singularität ein kontinuierlicher Prozess ist, den wir gerade erleben, und nicht ein plötzliches, unvorhersehbares Ereignis [01:46:16].


    Ich habe bei dieser fast zweistündigen Diskussion öfters die Luft angehalten. Für mich nehme ich jedenfalls mit, dass ich in einer Zeit alt werde, in der unglaublich viel geschieht, auf das ich unabhängig von der Bewertung (ich liege mit mir selber im Streit deswegen) sehr, sehr neugierig bin.

    Karl

  • Mein Blog „Metamorphose des Maschinenbildes“

    Mein Blog „Metamorphose des Maschinenbildes“

    Die Entwicklung der künstlichen Intelligenz wird massiv unterschätzt. In diesem Blog möchte ich aus der Sicht eines Neurobiologen erklären, warum.

    Ich war in meinem Berufsleben Universitätsprofessor für Biophysik und Molekularbiologie an der Albert-Ludwigs Universität in Freiburg i. Breisgau und habe mich mit Gehirnentwicklung und -funktion beschäftig. Meine alte Uni-Homepage (von 2012) mit Links zu Lebenslauf, Publikationen und diversen Aktivitäten findest Du hier.

    Meine Aufmerksamkeit in diesem Blog ist jedoch voll auf die Künstliche Intelligenz gerichtet, die ich schon sehr früh als interessierter Beobachter immer im Blick hatte und über die ich bereits Ende der 70iger Jahre als Assistent von Martin Heisenberg an der Würzburger Universität die Freiheit besaß, Seminare zu veranstalten.

    Für eines dieser Seminare über „Natürliche und Künstliche Intelligenz“ entwickelte ich eine Vorlesung, die ich 1979 mit dem Titel „Künstliche Intelligenz: Metamorphose des Maschinenbildes“ gehalten habe und deren Text die Aufmerksamkeit der Presse gewann und die schließlich in stark gekürzter Form im damaligen Wissenschaftsjournal UMSCHAU 81 (1981) 11, 331-333 als Thema der Woche „Mensch und Computer“ publiziert wurde.

    Ich werde den ausführlichen alten Text hier vorstellen und in Relation zu den brisanten neuen Entwicklungen setzen. Es wird mir ein Anliegen sein, gerade die neueren Entwicklungen zu beleuchten und aus meiner Sicht als Neurobiologe die Leistungen künstlicher neuronaler Netze zu bewerten.

    Die größte Gefahr, die ich sehe, ist die, dass die Entwicklung der KI und deren gesellschaftliche Folgen im allgemeinen sehr stark unterschätzt werden.