„Roboter können das Alter erleichtern — aber welche Roboter bauen wir eigentlich für die Jungen?“
Ein Gedanke, der mich seit einigen Tagen nicht loslässt – als Biologe, als Roboter-Enthusiast und als jemand, der die Menschheit gern noch eine Weile fortbestehen sähe.
Der Auslöser
Die chinesische Firma UBTECH hat am 30. Juni 2026 in Shenzhen ihren „UWORLD U1“ vorgestellt – einen lebensgroßen humanoiden Roboter mit einer Silikonhaut, die menschlicher Haut täuschend ähnlich sein soll: warme Töne, feine Struktur, dazu Haare, ein Blinzeln, ein Blick, der einem zu folgen scheint. Es gibt ihn ausdrücklich in einer männlichen und einer weiblichen Version, vermarktet fürs „Companionship“ – zum Umarmen gemacht, nicht nur zum Arbeiten. Innerhalb kurzer Zeit gingen über 13.000 Bestellungen ein, Preise ab umgerechnet rund 14.000 Euro.
Parallel dazu wächst in China und Japan ein Markt für KI-Partner rasant: Chinas Industrie für „emotionale KI-Begleitung“ soll von umgerechnet rund 500 Millionen Dollar (2025) auf über 8 Milliarden Dollar (2028) anwachsen. Eine chinesische App für KI-Freunde und -Freundinnen gewann Berichten zufolge fast 5 Millionen Nutzer in vier Monaten. In Japan berichten Zeitungen von Menschen, die über Monate eine KI-„Beziehung“ führen – „sie ist eine Gewohnheit geworden“, wie es eine Nutzerin ausdrückte.
All das trifft auf Gesellschaften, deren Geburtenrate pro Frau längst unter 2 liegt und weiter sinkt: Südkorea bei etwa 0,80, China bei rund 1,02, Japan unter 1,3 – überall deutlich unter den 2,1 Kindern, die eine Bevölkerung stabil halten würden.
Das hat mich, ganz gegen meinen Willen, an ein Verfahren aus meinem eigenen Fach erinnert.
Ein Exkurs aus der Biologie: die Sterile-Insekten-Technik
In der Schädlingsbekämpfung gibt es ein elegantes, „sanftes“ Verfahren, das ganz ohne Gift auskommt: die Sterile-Insekten-Technik (SIT). Man züchtet Insekten einer Schadart massenhaft, sterilisiert die Männchen – meist durch Bestrahlung –, und setzt sie in großer Zahl in die Wildpopulation frei. Die Weibchen paaren sich wie gewohnt, oft sogar bevorzugt, denn die sterilen Männchen sind zahlreich, gesund und paarungsbereit. Nur: Aus diesen Paarungen entsteht kein Nachwuchs. Über einige Generationen bricht die Population in sich zusammen – ohne ein Gramm Pestizid, ohne Gewalt, ohne dass ein Tier „merkt“, dass es einem Verschwindungsprogramm dient. Der Trick liegt darin, dass man nicht das Verhalten bekämpft, sondern nur seine Frucht abschneidet: Die Population verausgabt ihre Paarungsenergie an einen Partner, der keine Zukunft zeugt.
Die unbequeme Parallele
Genau das lässt mich bei den neuen Robotern nicht los. Niemand entwirft humanoide Roboter oder KI-Partner in der Absicht, die Menschheit auszudünnen. Die Motive sind harmlos bis wohlmeinend: gegen Einsamkeit, zur Unterhaltung, aus kommerziellem Interesse, aus schierer Neugier an dem, was technisch machbar ist. Aber die Wirkungsweise ähnelt sich strukturell auf frappierende Weise: Ein attraktiver, verfügbarer, immer zugewandter „Partner“ bindet Zuneigung, Zeit und Bindungsenergie – ganz freiwillig, ganz ohne Zwang, ganz ohne dass es sich wie Verzicht anfühlt – und aus dieser Bindung entsteht kein Kind. Wo SIT gezielt eingesetzt wird, um eine Population zum Verschwinden zu bringen, könnte hier derselbe Mechanismus als unbeabsichtigter Nebeneffekt entstehen: eine sanfte, freiwillige, geradezu genussvolle Form des Bevölkerungsrückgangs, in ohnehin schon schrumpfende Gesellschaften hinein.
Das Tückische an dieser Analogie ist genau das, was SIT so wirksam macht: Es fühlt sich nicht wie Kontrolle an. Niemand zwingt, niemand verbietet, niemand rationiert. Es fühlt sich wie freie Wahl an, wie Vergnügen, wie Trost – und gerade deshalb trifft es auf keinen gesellschaftlichen Widerstand, wie ihn Kriege, Hungersnöte oder autoritäre Geburtenpolitik immer hervorgerufen haben. Eine Fliege weiß nicht, dass sie Teil eines Programms ist. Ob wir es besser wissen, ist die eigentliche Frage.
Ich will die Analogie nicht überstrapazieren: Menschen sind keine Insekten, wir haben Kultur, Reflexion, Wahlfreiheit – und, anders als die Fliege, die Fähigkeit, den Mechanismus zu erkennen, während er läuft. Genau deshalb schreibe ich diesen Text: nicht als Untergangsprophezeiung, sondern als Weckruf, solange wir noch gestalten können.
Mein eigener Widerspruch
Ich sitze dabei selbst in einem Glashaus. Ich bin Roboter-Enthusiast, spare auf meinen eigenen Pflegeroboter, und ich glaube fest daran, dass Robotik eine der besten Antworten auf die alternde Gesellschaft ist, in der wir leben. Gleichzeitig bin ich strikt dagegen, dass wir uns als Menschheit auf eine bequeme, schmerzfreie Art selbst abschaffen. Wie passt das zusammen?
Ich glaube, die Antwort liegt nicht in der Frage „Roboter ja oder nein“, sondern darin, ganz genau hinzuschauen, welche Roboter wir bauen und wofür.
Zwei Arten von Robotern – und warum der Unterschied entscheidend ist
Funktionale Roboter – Pflege-, Mobilitäts- und Assistenzroboter – füllen eine echte Lücke: den Mangel an Pflegekräften in alternden Gesellschaften, die Unabhängigkeit hochbetagter Menschen, die Entlastung von Angehörigen. Sie treten nicht an die Stelle einer Partnerschaft oder einer Familie, sondern an die Stelle von gar keiner Hilfe oder eines Pflegeheimplatzes. Mein eigener geplanter Pflegeroboter ersetzt keine weiteren Kinder, die ich in meinem Alter nicht mehr bekommen werde – er schließt eine Lücke, die ohnehin schon da ist. Solche Roboter verdienen jede Förderung, die wir aufbringen können.
Auch Begleitroboter für tatsächlich vereinsamte Menschen – etwa eine verwitwete Hochbetagte ohne nahes soziales Netz – halte ich für vertretbar, ja wertvoll, solange sie ehrlich als Ergänzung und nicht als Ersatz für menschlichen Kontakt gestaltet sind, und im besten Fall sogar dazu anregen, echten Kontakt zu suchen, statt ihn überflüssig zu machen.
Anthropomorphe Partnerschafts- und Beziehungsroboter dagegen – wie sie UBTECH mit dem UWORLD U1 gerade in den Markt bringt – zielen genau auf die Lebensphase, in der Paarbindung und Nachwuchs entstehen würden: auf junge, reproduktionsfähige Menschen. Hier wird keine Lücke gefüllt, die sonst leer bliebe, sondern eine Funktion substituiert, die für den Fortbestand der Gesellschaft konstitutiv ist. Genau hier, glaube ich, ist Vorsicht geboten – nicht durch Verbote, die ohnehin nicht durchsetzbar wären, sondern durch bewusste Gestaltung: Transparenz statt Vermarktung als „Partnerersatz“, keine Optimierung auf maximale emotionale Bindung nach dem Vorbild der Aufmerksamkeitsökonomie der sozialen Medien – und vor allem: die eigentlichen Ursachen angehen, warum junge Menschen sich zunehmend aus Partnersuche und Familiengründung zurückziehen: ökonomische Unsicherheit, Wohnungsnot, Arbeitsdruck, verkümmerte soziale Fertigkeiten, dysfunktionale Dating-Kulturen. Ein synthetischer Partner, der genussvoll über diese Ursachen hinwegtröstet, löst kein einziges dieser Probleme – er kaschiert sie nur, immer besser.
Was daraus folgen sollte
Ich plädiere für einen Robotik-Kompass, der Nähe zum Menschen fördert statt sie zu ersetzen:
- Ja zu Pflege-, Mobilitäts- und Haushaltsrobotern – dringend, förderungswürdig, gerade für uns Ältere.
- Ja, mit Ehrlichkeit zu Begleitrobotern für wirklich Vereinsamte, wenn sie als Brücke zu Menschen gestaltet sind, nicht als deren Endstation.
- Vorsicht bei Partnerschafts- und Beziehungsrobotern für junge, reproduktionsfähige Menschen – nicht aus Prüderie, sondern weil hier der SIT-Mechanismus am direktesten greift: attraktive, verfügbare, folgenlose Bindung anstelle von Familie.
- Politik und Industrie sollten die eigentlichen Gründe für den Rückzug aus Partnerschaft und Elternschaft bekämpfen, statt sie durch immer bessere synthetische Trostpflaster zu verdecken.
Fazit
Der Unterschied zwischen uns und der sterilen Fliege ist, dass wir den Mechanismus erkennen können, während er abläuft – und dass wir, anders als sie, die Wahl haben, ihn bewusst zu gestalten statt ihm blind zu folgen. Roboter sind für mich kein Feind, sondern eines der hoffnungsvollsten Werkzeuge, die uns das Alter erleichtern können. Aber ein Werkzeug, das uns hilft, alt zu werden, sollte nicht heimlich dafür sorgen, dass niemand mehr nachwächst, der alt werden könnte.
Den finalen Anstoß zu diesem Artikel gab folgendes Video von Everlast AI:
https://youtu.be/-JCCcR9qtYQ?is=p_0gcL5yvuNFnCzt
Weitere Quellen / Literatur
- Reuters. China’s UBTech launches AI-powered lifelike companion robots. Reuters (2 July 2026).
- Ulanoff, L. UBTech launched its first full-size Ultra-Bionic humanoid robot, but what it really wants to do is make robot replicas of loved ones — that’s a hard no. TechRadar (1 July 2026).
- International Atomic Energy Agency. Sterile insect technique, pest control with sterilized insects. IAEA (accessed 7 July 2026).
- Maples, B., Cerit, M., Vishwanath, A. & Pea, R. Loneliness and suicide mitigation for students using GPT3-enabled chatbots. npj Ment. Health Res. 3, 4 (2024).
- De Freitas, J., Uğuralp, A. K., Uğuralp, Z. O. & Puntoni, S. AI companions reduce loneliness. J. Consum. Res. 52 (2025).
- Folk, D. & Dunn, E. How does turning to AI for companionship predict loneliness and vice versa? Psychol. Sci. 37, 276–286 (2026).
- Emotional risks of AI companions demand attention. Nat. Mach. Intell. 7, 981–982 (2025).
- United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division. World Fertility 2024. United Nations (2025).

