📋 Alle Artikel im Überblick → Zum Inhaltsverzeichnis

Kategorie: Biologische Intelligenz

  • Vom Fliegenhirn zur KI: Was ein winziges Gehirn über Maschinenbewusstsein verrät

    Vom Fliegenhirn zur KI: Was ein winziges Gehirn über Maschinenbewusstsein verrät

    Karl-Friedrich Fischbach – 9. Oktober 2026

    1979 habe ich als junger Assistent am Lehrstuhl von Martin Heisenberg ein Seminar über natürliche und künstliche Intelligenz geleitet. Mein Einstiegsvortrag trug den Titel „Die Metamorphose des Maschinenbildes“. Er gibt diesem Blog bis heute seinen Untertitel. Damals waren die Möglichkeiten künstlicher neuronaler Netze noch bescheiden. Heute unterhalten wir uns mit Maschinen.

    Ich habe mein Forscherleben mit einem Gehirn verbracht, das klein wie ein Salzkorn ist: dem Gehirn der Taufliege Drosophila melanogaster. Aus dieser Perspektive, der eines Biologen und nicht der eines Informatikers, habe ich jetzt einen Vortrag aufgenommen. Der erste Teil ist online:

    Ein Gehirn, klein wie ein Salzkorn

    Rund 140.000 Nervenzellen und mehr als 50 Millionen Verbindungen: So genau kennt man heute die Verschaltung des Fliegengehirns. Davon konnten wir in meiner aktiven Zeit nur träumen. Mit diesem winzigen Organ sieht, riecht und schmeckt eine Fliege. Sie lernt aus Erfahrung, erinnert sich und trifft Entscheidungen.

    Winzig heißt also keineswegs einfach. Und das führt zu der Frage, um die es im Video geht: Wenn die Evolution solche Fähigkeiten mit Nervenzellen hervorgebracht hat, gibt es dann einen naturwissenschaftlichen Grund, warum Intelligenz nur mit Nervenzellen entstehen könnte?

    Drei Gedanken aus dem Vortrag

    Gehirne sind Steuerorgane. Sie sind nicht entstanden, damit Tiere Gedichte schreiben, sondern damit sie richtig auf ihre Umwelt reagieren. Wer sich vorwärts bewegt, trifft mit dem Vorderende zuerst auf die Welt. Dort sammeln sich die Sinnesorgane, und dort sammeln sich die Nervenzellen, die deren Meldungen verrechnen. So entsteht ein Kopf. Mit der Zeit kommt etwas Neues hinzu: Ein Tier reagiert nicht mehr nur auf den Augenblick, sondern auch auf das, was es erlebt hat. Es baut sich ein inneres Modell seiner Welt.

    Intelligenz hängt nicht am Material. Eine Fliege fliegt, eine Möwe fliegt, ein Airbus fliegt, jedes auf völlig andere Weise. Niemand würde sagen, das Flugzeug fliege nicht wirklich, weil es keine Federn hat. Mit Norbert Wiener, dem Vater der Kybernetik, halte ich es für fruchtbarer zu fragen, was ein System tatsächlich kann: lernen, planen, neue Probleme lösen, Modelle seiner Umwelt bilden.

    Beim Bewusstsein gibt es keine scharfe Grenze. Wir haben keine anerkannte Theorie, die sagen könnte, welches System bewusst ist und welches nicht. Mir erscheint eine allmähliche Entwicklung plausibler als eine Linie „hier nicht, ab dort schon“. Eine internationale Forschergruppe hat 2023 Bewusstseinstheorien auf heutige KI-Systeme angewendet. Ihr Ergebnis war vorsichtig: kein überzeugender Grund, ihnen Bewusstsein zuzusprechen, aber auch keine grundsätzliche Barriere.

    Was ich nicht behaupte

    Ich behaupte ausdrücklich nicht, dass ChatGPT, Claude oder Gemini heute etwas empfinden. Dafür fehlt die wissenschaftliche Grundlage. Ich halte aber die gegenteilige Gewissheit für voreilig und sogar für gefährlich: dass eine Maschine grundsätzlich niemals Bewusstsein entwickeln könne. Was, wenn das falsch ist?

    Man kann das mit guten Gründen anders sehen. Der Philosoph Markus Gabriel etwa meint, Menschen seien „saftig“, Silizium und Elektrizität seien etwas anderes als Säfte. Als Biologe frage ich zurück: Warum sollten es gerade die Säfte sein? Im Vortrag lege ich beide Sichtweisen nebeneinander.

    Damit Wissen und Meinung nicht verschwimmen, zeigt im Video eine kleine Ampel an, wie sicher eine Aussage ist. Grün heißt gesichert, Gelb heißt plausibel, aber nicht bewiesen. Diese Trennung halte ich gerade beim Thema KI für das Wichtigste überhaupt.

    Wie das Video entstanden ist

    Die Gedanken, die Stimme und die Verantwortung für jede Aussage sind meine. Beim Handwerk hat mir eine KI geholfen: Sie hat Schaubilder gezeichnet, Quellen nachgeschlagen, die Untertitel erstellt und das leichte Zittern meiner Laptop-Kamera herausgerechnet. Ein Vortrag über Maschinen, gebaut mit einer Maschine. Ich finde, das passt.

    Wie es weitergeht

    Der zweite Teil erscheint in Kürze. Darin geht es darum, warum die technische Entwicklung so viel schneller verläuft als die biologische, wo die eigentlichen Risiken hochintelligenter Systeme liegen und wie eine gutartige KI ganz praktisch helfen könnte, etwa älteren Menschen im Alltag.

    Wer tiefer in die Welt der Fliegengehirne einsteigen möchte: Im Frühjahr habe ich mit meinem langjährigen Freund Alexander Borst vom Max-Planck-Institut für Biologische Intelligenz gesprochen. Darüber habe ich hier geschrieben: Was das Fliegengehirn der KI voraus hat.

    Jetzt bin ich gespannt auf Deine Meinung, gerne auch auf Widerspruch: Kann eine Maschine jemals etwas empfinden, oder fehlt ihr etwas Grundsätzliches? Schreib es mir in die Kommentare, hier oder unter dem Video.

    Zum Weiterlesen

    • Dorkenwald u. a. (2024): Neuronal wiring diagram of an adult brain. Nature 634, 124–138.
    • Butlin, Long u. a. (2023): Consciousness in Artificial Intelligence: Insights from the Science of Consciousness. https://arxiv.org/abs/2308.08708
    • Alle Quellen und Bildnachweise stehen in der Beschreibung des Videos auf YouTube.
  • Was das Fliegengehirn der KI voraus hat



    Mein 2. Interview im Freitagsclub
    Gast: Prof. Dr. Alexander Borst
    Institut: MPI für Biologische Intelligenz
    Dauer: ca. 56 Minuten

    Ein Salzkorn. So groß ist das Gehirn der Fruchtfliege Drosophila melanogaster. Und doch steckt in diesem winzigen Gebilde eine Rechenleistung, die moderne KI-Ingenieure noch immer nicht vollständig nachgebaut haben – trotz Milliarden Dollar Investition und ganzer Kraftwerke, die eigens für ihre Rechenzentren gebaut werden.

    Im zweiten Interview des Freitagsclubs war Alexander Borst zu Gast – langjähriger Freund und einer der weltweit führenden Experten für Computationale Neurowissenschaften. Er war bis zu seiner Emeritierung Direktor am Max-Planck-Institut für Biologische Intelligenz in Martinsried bei München, Mitglied der Nationalakademie Leopoldina.

    Warum ausgerechnet die Fliege?

    Die Frage klingt provokant – aber sie hat eine präzise Antwort. Drosophila besitzt rund 100.000 Nervenzellen. Das klingt nach viel, ist aber gegenüber der Maus (rund 70 Millionen) und dem Menschen (rund 86 Milliarden) eine überschaubare Größe. Entscheidend ist: In einem einzigen Kubikmillimeter des menschlichen Gehirns – das ist die kleinste Einheit, die ein Kernspin-Tomograph noch auflösen kann – sitzen so viele Nervenzellen wie im gesamten Fliegengehirn. Am Fliegengehirn kann man deshalb einzelnen Nervenzellen beim Rechnen zuschauen. Am Menschengehirn ist das nicht möglich.

    Nervenzellen im Vergleich
    • Fruchtfliege Drosophila ~100.000
    • Maus ~70 Millionen
    • Mensch ~86 Milliarden
    • In 1 mm³ Menschenhirn (MRT-Auflösung) ~100.000

    Der zweite Vorteil der Fliege ist die Genetik. Thomas Morgan hat Drosophila vor über 100 Jahren als Modelltier der Genetikforschung eingeführt. Heute kann man gezielt jedes beliebige Gen in eine bestimmte Nervenzelle einschleusen – um sie leuchten zu lassen, wenn sie aktiv ist, um ihre Verbindungen zu blockieren, oder um sie per Licht zu aktivieren. Das erlaubt eine Art Schaltkreisanalyse, die in keinem anderen Lebewesen möglich ist.

    Bewegung sehen – ein Rechenproblem

    Das Herzstück von Axels Forschung: Wie errechnet ein Gehirn die Richtung einer Bewegung, wenn ein einzelner Lichtrezeptor dazu gar nicht in der Lage ist? Ein Photorezeptor meldet nur hell oder dunkel – mehr nicht. Bewegungsrichtung ist eine höhere Rechenleistung. Axels Labor hat gezeigt, wie die Fliege dieses Problem löst.

    „Das Lichtsignal von der einen Kolumne wird mit dem Lichtsignal der anderen Kolumne zeitlich verzögert multipliziert – und dadurch wird diese Zelle für genau diese Bewegungsrichtung empfindlich.“

    Alexander Borst über die T4/T5-Zellen im optischen Lobus der Fliege

    Pro Facette des Fliegenauges gibt es im darunter liegenden Nervensystem genau acht spezialisierte Zellen: vier für helle Kanten, vier für dunkle. Jede Gruppe ist auf eine der vier Grundrichtungen spezialisiert – rechts, links, oben, unten. Der Mechanismus dahinter ist elegant: Durch Änderung der elektrischen Widerstände an der Synapse kann ein Signal das andere modulieren. Eine echte Multiplikation – eine Rechenoperation, die weit über ein simples Ein/Aus-Schaltelement hinausgeht.

    Der von-Neumann-Engpass – warum Computer so viel Strom fressen

    Der klassische Computer trennt Rechenwerk und Speicher. Diese Architektur – nach dem Mathematiker John von Neumann benannt – zwingt den Prozessor, ständig Daten zwischen diesen beiden Orten hin- und herzuschaufeln. Das kostet Energie. Im Gehirn ist das grundlegend anders: Der Speicher sitzt im Rechenelement selbst – nämlich in der Stärke der Verbindungen zwischen Nervenzellen. Rechnen und Erinnern passieren am selben Ort, ohne Datentransport.

    Überraschend ist: Auch künstliche neuronale Netze – das Herzstück von ChatGPT & Co. – speichern ihr „Wissen“ in Gewichten zwischen den künstlichen Neuronen. Das klingt biologisch. Doch was man sieht, wenn man einen Computer aufmacht, ist kein Nervennetz. Es ist immer noch eine von-Neumann-Maschine, die ein neuronales Netz simuliert. Die biologische Effizienz entsteht dabei nicht.

    Energievergleich: Gehirn vs. Rechenzentrum
    • Menschliches Gehirn ~20 Watt
    • Eine schwache Glühbirne (zum Vergleich) 25 Watt
    • KI-Training GPT-4-Klasse (geschätzt, gesamt) 50–100 GWh
    • Alle Rechenzentren weltweit (2024) ~460 TWh/Jahr
    • Energieverbrauch der Rechenzentren wächst weiter ↑

    Axel machte eine wichtige Einschränkung, die in der öffentlichen Debatte fast immer fehlt: Die riesigen Energiezahlen, die man über ChatGPT liest, beziehen sich auf das Pretraining – den einmaligen, astronomisch teuren Lernprozess. Eine einzelne Anfrage danach ist vergleichsweise günstig.

    Neuromorphe Chips – die unterschätzte Alternative

    Der spannendste offene Faden im Gespräch: Neuromorphe Hardware – Chips, die nicht nur ein neuronales Netz auf altem Computer-Eisen simulieren, sondern dessen Architektur physisch nachbauen. Kein von-Neumann-Engpass, kein ständiger Datentransport, Energieverbrauch um Größenordnungen geringer.

    Solche Systeme existieren bereits: Intels Loihi-Chip, IBMs TrueNorth, das BrainScaleS-Projekt in Heidelberg.

    Der realistischste Pfad in die Praxis? Robotik und mobile Geräte. Drohnen, autonome Roboter, Handys: Überall dort ist der Selektionsdruck auf Energieeffizienz enorm. Chinesische Roboter laufen bereits Marathon – und ein neuromorphes Gehirn würde bedeuten: längere Laufzeit, leichterer Akku, mehr Leistung aus weniger Energie.

    Konnektom und Simulation – Axels aktuelle Arbeit

    Seit einigen Jahren kennt die Wissenschaft das vollständige Konnektom der Fruchtfliege – die vollständige Verbindungskarte aller 100.000 Nervenzellen mit sämtlichen Synapsen. Das ist ein wissenschaftshistorischer Meilenstein. Die Frage, die Axel jetzt antreibt: Reicht dieses Wissen, um das Verhalten der Nervenzellen im Computer zu simulieren?

    Sein erstes Ergebnis ist aufschlussreich: Das Konnektom allein genügt nicht. Erst wenn man zusätzlich die zellspezifischen Ionenkanäle berücksichtigt – also die biophysikalischen Eigenschaften jeder einzelnen Zelle – stimmt die Simulation mit den experimentellen Daten überein. Struktur ist notwendig, aber nicht hinreichend.

    „Nur die Verbindungsstärke zwischen den Neuronen zu kennen ist nicht hinreichend. Wenn ich die Ionenkanäle rausnehme, geht es nicht.“

    Alexander Borst über die Grenzen des Konnektoms


    AB
    Prof. Dr. Alexander Borst
    Emeritierter Direktor · MPI für Biologische Intelligenz, Martinsried

    Borst studierte in Würzburg, wo ein Seminar über künstliche und biologische Intelligenz seine Richtung bestimmte. Er gilt als einer der führenden Experten für Computational Neurowissenschaften weltweit, entschlüsselte den biophysikalischen Mechanismus des Bewegungssehens in Drosophila und ist Mitglied der Nationalakademie Leopoldina.

    Was bleibt

    Am Ende unseres Gesprächs teilten Axel und ich eine Empfindung, die ich gut kenne: Faszination und Sorge zugleich. Faszination über das, was heute möglich ist – ich hätte es vor zwanzig Jahren nicht für möglich gehalten, mit einer KI ein sinnvolles Gespräch führen zu können. Und Sorge darüber, dass technologischer Fortschritt allein die alten Fragen nicht beantwortet: Was ist richtig? Was ist falsch? Wem nützt es?

    Die Natur hat in 550 Millionen Jahren Lösungen erarbeitet, die wir gerade erst zu lesen beginnen. Das Salzkorn-Gehirn der Fruchtfliege ist dabei nicht bloß ein kurioses Forschungsobjekt – es ist ein Maßstab. Einer, der uns noch sehr lange beschäftigen wird.

    Neue Gespräche erscheinen regelmäßig auf seniorentreff.tv – mit Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Technik und Gesellschaft. Alle Videos, Hintergründe und Diskussionen auch in unserem Forum.

    Zur Community