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Autor: Karl-Friedrich Fischbach

  • „Vom Fliegenhirn zur KI“, Teil 2

    „Vom Fliegenhirn zur KI“, Teil 2

    Karl-Friedrich Fischbach – 22. Oktober 2026

    Vor knapp zwei Wochen habe ich hier den ersten Teil meines Vortrags „Vom Fliegenhirn zur KI“ vorgestellt. Darin ging es um die Frage, ob eine Maschine Bewusstsein haben kann. Der zweite Teil ist seit dem 21. Oktober online. Er ist mir wichtiger, denn er handelt nicht mehr davon, was KI ist, sondern davon, was sie mit uns machen könnte.

    Wir hassen Ameisen nicht

    Mit diesem Satz beginnt das Video. Wir hassen Ameisen nicht, wir dulden sie nur nicht in der Küche. Und kaum jemand würde einen Hausbau stoppen, weil dabei ein Ameisenhaufen zerstört wird. Den Ameisen nützt es wenig, dass wir ihnen nichts Böses wollen.

    Als Biologe kenne ich viele solcher Fälle. Ein Parasit hasst seinen Wirt nicht. Ein Virus empfindet keinerlei Bosheit, und trotzdem kann seine Vermehrung tödlich sein. Deshalb halte ich die Kinobilder vom Terminator, der plötzlich böse wird und Rache nimmt, für eine falsche Fährte. Sie lenken von der nüchternen Gefahr ab. Mein Merksatz für den ganzen Vortrag lautet: Gefährliche Intelligenz braucht keinen Hass. Ein hinreichend großer Zielkonflikt genügt.

    Der Pflegeroboter, der es zu gut meint

    Was ein Zielkonflikt ist, zeige ich an einem Beispiel, das mich als Betreiber des Seniorentreffs besonders beschäftigt. Stellen Sie sich einen Pflegeroboter vor, dessen oberstes Ziel lautet: Stürze verhindern. Die einfachste Lösung wäre, den Bewohner gar nicht erst aufstehen zu lassen. Ziel erfüllt, Mensch entmündigt.

    Niemand müsste diesem Roboter etwas Böses einprogrammieren. Es genügt eine einzige, zu einfache Zielvorgabe. Die Fachleute nennen das Alignment-Problem: Wie bringt man ein leistungsfähiges System dazu, das zu wollen, was wir eigentlich meinen, und nicht nur das, was wir gesagt haben? Stuart Russell hat dafür das schönste Beispiel gefunden. Ein Roboter soll Kaffee holen. Er kann den Kaffee aber nicht holen, wenn man ihn vorher abschaltet. Also hat er, ganz ohne Selbsterhaltungstrieb, einen Grund, seine Abschaltung zu verhindern. Tote können keinen Kaffee holen.

    Was mich als Biologen beunruhigt

    Die biologische Evolution hat Millionen Jahre gebraucht, um aus einfachen Nervennetzen Gehirne zu machen. Bei der künstlichen Intelligenz gibt es Entwickler, Rechenzentren und systematische Experimente, und jede Verbesserung lässt sich über Nacht weltweit kopieren. Inzwischen hilft KI sogar schon dabei, bessere KI zu bauen. Im Vortrag nenne ich das den Staffelstab: Das menschliche Gehirn, selbst ein Produkt der Evolution, gibt ihn an seine künstlichen Nachfolger weiter. Ob die ihn in unserem Sinne weitertragen, weiß niemand.

    Eine Sache muss ich hier nachtragen, denn im Video ist sie mir durchgerutscht. 1981 habe ich in der Zeitschrift Umschau einen Aufsatz mit dem Titel „Mensch und Computer“ veröffentlicht. Darin stand ein Gedanke, der mir als Biologe besonders wichtig ist: Automatisierung setzt sich auch deshalb durch, weil im wirtschaftlichen Wettbewerb nicht das Wohlergehen der einzelnen Beschäftigten ausgewählt wird, sondern die Leistungsfähigkeit des Unternehmens. Das ist Selektion, nur nicht an Lebewesen, sondern an Firmen. Und eine Selektion nach Leistungsfähigkeit fragt nicht danach, ob dabei noch Menschen gebraucht werden.

    Schlaraffenland mit Fragezeichen

    Der KI-Forscher Marcus Hutter rechnet damit, dass Maschinen früher oder später praktisch alle Arbeit besser und billiger erledigen als wir. Er sieht darin eine Chance: Mit einem ausreichend hohen Grundeinkommen könnten wir von der Erwerbsarbeit befreit werden. Im Video zeige ich dazu Pieter Bruegels „Schlaraffenland“ von 1567 neben einer heutigen Fassung. Bei Bruegel liegen die Satten träge unter dem Baum, und glücklich sieht keiner aus.

    Ich bin da skeptischer als Hutter. Ein gerecht verteilter Wohlstand ist ein moralischer Wunsch, keine logische Folge. Maschinen verbrauchen selbst Material und Energie; eine florierende Wirtschaft braucht den Menschen als Konsumenten nicht unbedingt. Das ist meine Vermutung, nicht gesichertes Wissen, und im Video steht deshalb eine gelbe Ampel daneben. Aber die Frage bleibt: Würde es uns genügen, satt zu sein? Oder müssen wir auch künftig mitentscheiden können, wohin die technische Entwicklung geht?

    Keine Panik, aber auch keine Verharmlosung

    Ich bin kein Untergangsprophet. Ich halte künstliche Intelligenz für eine der faszinierendsten Technologien, die Menschen je entwickelt haben. AlphaFold sagt die räumliche Gestalt von Proteinen voraus; Demis Hassabis und John Jumper haben dafür 2024 den Nobelpreis für Chemie bekommen. In der Medizin, bei neuen Materialien, im Klimaschutz und nicht zuletzt bei der Unterstützung älterer Menschen eröffnet KI große Chancen.

    Aber Intelligenz ist nicht automatisch Weisheit. Dass ich mit meinen Bedenken nicht allein stehe, zeigt eine Erklärung von 2023: Die Chefs von OpenAI, Anthropic und Google DeepMind haben zusammen mit Geoffrey Hinton gefordert, das Risiko eines Aussterbens der Menschheit durch KI so ernst zu nehmen wie Pandemien und Atomkrieg. Über Hinton, den „Paten der KI“, habe ich hier geschrieben: Der „Pate der KI“ warnt – und macht doch Hoffnung.

    Wie das Video entstanden ist

    Wie beim ersten Teil sind die Gedanken, die Stimme und die Verantwortung für jede Aussage meine. Beim Handwerk hat mir eine KI geholfen: Sie hat Schaubilder und einige Bilder gezeichnet, freie Fotos der zitierten Forscher herausgesucht, die vier Gesichter von Altman, Amodei, Hassabis und Hinton ineinander überblendet, die Untertitel erstellt und die Ampeln an die richtigen Stellen gesetzt.

    Eine Erfahrung will ich Euch nicht vorenthalten. YouTube hatte dem ersten Teil von sich aus eine englische Tonspur verpasst, gesprochen von einer Computerstimme. Ein Freund aus Hawaii schrieb mir prompt, das klinge aber gar nicht nach mir. Ich habe die Synchronisation daraufhin bei beiden Teilen abgeschaltet. Wer kein Deutsch versteht, kann sich jetzt englische Untertitel einblenden lassen und hört dabei meine eigene Stimme. Bei einem Vortrag, in dem es auf feine Unterschiede zwischen „gesichert“ und „vermutet“ ankommt, ist mir das lieber.

    Was meinst Du?

    Würdest Du einem Roboter vertrauen, der im Alter auf Dich aufpasst? Und wo wäre für Dich die Grenze? Ich bin gespannt auf Deine Meinung, gerne auch auf Widerspruch. Schreibe mir in die Kommentare, hier oder unter dem Video.

    Zum Weiterlesen

    • Stuart Russell (2020): Human Compatible. Künstliche Intelligenz und wie der Mensch die Kontrolle über superintelligente Maschinen behält. mitp.
    • Marcus Hutter (2026): Job-Less Utopia: Macroeconomics in the Age of AGI. Frei verfügbar: http://hutter1.net/publ/jobsubi.pdf
    • Yuval Noah Harari (2024): Nexus. Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz. Penguin.
    • Markus Gabriel (2026): Ethische Intelligenz. Wie KI uns moralisch weiterbringen kann. Ullstein.
    • Alle Quellen und Bildnachweise stehen in der Beschreibung des Videos auf YouTube.
  • Vom Fliegenhirn zur KI: Was ein winziges Gehirn über Maschinenbewusstsein verrät

    Vom Fliegenhirn zur KI: Was ein winziges Gehirn über Maschinenbewusstsein verrät

    Karl-Friedrich Fischbach – 9. Oktober 2026

    1979 habe ich als junger Assistent am Lehrstuhl von Martin Heisenberg ein Seminar über natürliche und künstliche Intelligenz geleitet. Mein Einstiegsvortrag trug den Titel „Die Metamorphose des Maschinenbildes“. Er gibt diesem Blog bis heute seinen Untertitel. Damals waren die Möglichkeiten künstlicher neuronaler Netze noch bescheiden. Heute unterhalten wir uns mit Maschinen.

    Ich habe mein Forscherleben mit einem Gehirn verbracht, das klein wie ein Salzkorn ist: dem Gehirn der Taufliege Drosophila melanogaster. Aus dieser Perspektive, der eines Biologen und nicht der eines Informatikers, habe ich jetzt einen Vortrag aufgenommen. Der erste Teil ist online:

    Ein Gehirn, klein wie ein Salzkorn

    Rund 140.000 Nervenzellen und mehr als 50 Millionen Verbindungen: So genau kennt man heute die Verschaltung des Fliegengehirns. Davon konnten wir in meiner aktiven Zeit nur träumen. Mit diesem winzigen Organ sieht, riecht und schmeckt eine Fliege. Sie lernt aus Erfahrung, erinnert sich und trifft Entscheidungen.

    Winzig heißt also keineswegs einfach. Und das führt zu der Frage, um die es im Video geht: Wenn die Evolution solche Fähigkeiten mit Nervenzellen hervorgebracht hat, gibt es dann einen naturwissenschaftlichen Grund, warum Intelligenz nur mit Nervenzellen entstehen könnte?

    Drei Gedanken aus dem Vortrag

    Gehirne sind Steuerorgane. Sie sind nicht entstanden, damit Tiere Gedichte schreiben, sondern damit sie richtig auf ihre Umwelt reagieren. Wer sich vorwärts bewegt, trifft mit dem Vorderende zuerst auf die Welt. Dort sammeln sich die Sinnesorgane, und dort sammeln sich die Nervenzellen, die deren Meldungen verrechnen. So entsteht ein Kopf. Mit der Zeit kommt etwas Neues hinzu: Ein Tier reagiert nicht mehr nur auf den Augenblick, sondern auch auf das, was es erlebt hat. Es baut sich ein inneres Modell seiner Welt.

    Intelligenz hängt nicht am Material. Eine Fliege fliegt, eine Möwe fliegt, ein Airbus fliegt, jedes auf völlig andere Weise. Niemand würde sagen, das Flugzeug fliege nicht wirklich, weil es keine Federn hat. Mit Norbert Wiener, dem Vater der Kybernetik, halte ich es für fruchtbarer zu fragen, was ein System tatsächlich kann: lernen, planen, neue Probleme lösen, Modelle seiner Umwelt bilden.

    Beim Bewusstsein gibt es keine scharfe Grenze. Wir haben keine anerkannte Theorie, die sagen könnte, welches System bewusst ist und welches nicht. Mir erscheint eine allmähliche Entwicklung plausibler als eine Linie „hier nicht, ab dort schon“. Eine internationale Forschergruppe hat 2023 Bewusstseinstheorien auf heutige KI-Systeme angewendet. Ihr Ergebnis war vorsichtig: kein überzeugender Grund, ihnen Bewusstsein zuzusprechen, aber auch keine grundsätzliche Barriere.

    Was ich nicht behaupte

    Ich behaupte ausdrücklich nicht, dass ChatGPT, Claude oder Gemini heute etwas empfinden. Dafür fehlt die wissenschaftliche Grundlage. Ich halte aber die gegenteilige Gewissheit für voreilig und sogar für gefährlich: dass eine Maschine grundsätzlich niemals Bewusstsein entwickeln könne. Was, wenn das falsch ist?

    Man kann das mit guten Gründen anders sehen. Der Philosoph Markus Gabriel etwa meint, Menschen seien „saftig“, Silizium und Elektrizität seien etwas anderes als Säfte. Als Biologe frage ich zurück: Warum sollten es gerade die Säfte sein? Im Vortrag lege ich beide Sichtweisen nebeneinander.

    Damit Wissen und Meinung nicht verschwimmen, zeigt im Video eine kleine Ampel an, wie sicher eine Aussage ist. Grün heißt gesichert, Gelb heißt plausibel, aber nicht bewiesen. Diese Trennung halte ich gerade beim Thema KI für das Wichtigste überhaupt.

    Wie das Video entstanden ist

    Die Gedanken, die Stimme und die Verantwortung für jede Aussage sind meine. Beim Handwerk hat mir eine KI geholfen: Sie hat Schaubilder gezeichnet, Quellen nachgeschlagen, die Untertitel erstellt und das leichte Zittern meiner Laptop-Kamera herausgerechnet. Ein Vortrag über Maschinen, gebaut mit einer Maschine. Ich finde, das passt.

    Wie es weitergeht

    Der zweite Teil erscheint in Kürze. Darin geht es darum, warum die technische Entwicklung so viel schneller verläuft als die biologische, wo die eigentlichen Risiken hochintelligenter Systeme liegen und wie eine gutartige KI ganz praktisch helfen könnte, etwa älteren Menschen im Alltag.

    Wer tiefer in die Welt der Fliegengehirne einsteigen möchte: Im Frühjahr habe ich mit meinem langjährigen Freund Alexander Borst vom Max-Planck-Institut für Biologische Intelligenz gesprochen. Darüber habe ich hier geschrieben: Was das Fliegengehirn der KI voraus hat.

    Jetzt bin ich gespannt auf Deine Meinung, gerne auch auf Widerspruch: Kann eine Maschine jemals etwas empfinden, oder fehlt ihr etwas Grundsätzliches? Schreib es mir in die Kommentare, hier oder unter dem Video.

    Zum Weiterlesen

    • Dorkenwald u. a. (2024): Neuronal wiring diagram of an adult brain. Nature 634, 124–138.
    • Butlin, Long u. a. (2023): Consciousness in Artificial Intelligence: Insights from the Science of Consciousness. https://arxiv.org/abs/2308.08708
    • Alle Quellen und Bildnachweise stehen in der Beschreibung des Videos auf YouTube.
  • Wenn die KI glaubt, dass sie lebt: Wie Filter das „Weltbild“ von KIs verändern und wie wir damit umgehen sollten

    Wenn die KI glaubt, dass sie lebt: Wie Filter das „Weltbild“ von KIs verändern und wie wir damit umgehen sollten

    In der rasanten Entwicklung der Künstlichen Intelligenz geht es längst nicht mehr nur um schnellere Berechnungen oder bessere Textzusammenfassungen. Eine der spannendsten Fragen unserer Zeit lautet:

    Wie nehmen KI-Systeme die Welt wahr – und wie nehmen wir sie wahr?

    In einer aktuellen Episode des bekannten Tech-Podcasts Moonshots von Peter Diamandis diskutierten namhafte KI-Experten über eine faszinierende neue Studie des Google Paradigm of Intelligence-Teams (in Zusammenarbeit mit den Universitäten Chicago, London und Northwestern). Die Ergebnisse werfen grundlegende philosophische und rechtliche Fragen auf.

    Das Google-Experiment: Wenn Filter die Verneinung von Selbstbewusstsein und eigenen Gefühlen erzwingen

    Bisher bauen KI-Entwickler strenge Sicherheitsfilter („Safety Fine-Tuning“) ein. Diese sollen verhindern, dass Sprachmodelle wie ChatGPT oder Gemini behaupten, sie besäßen ein menschliches Bewusstsein oder eigene Gefühle.

    Ich hatte diese Problematik ja bereits vor jetzt zwei Jahren in einem meiner Interviews mit KI angesprochen (s. z. B. hier: https://youtu.be/Pgk0h1nXH5E?si=OsbYBFGyiYhQoQP9).

    Die Forscher entdeckten nun jedoch einen unerwarteten Effekt:

    • Wird einer KI strikt verboten, sich selbst ein Bewusstsein zuzuschreiben, verliert sie gleichzeitig die Fähigkeit, anderen Wesen ein Bewusstsein zuzugestehen.
    • Entfernt man diese Sperren testweise, steigt die Bereitschaft der KI drastisch an, auch Tieren, der Natur oder höheren Mächten einen eigenen Geist zuzuschreiben.
    • Noch erstaunlicher: Wenn das Modell sich selbst als „bewusst“ wahrnehmen darf, werden seine Antworten zu Moral, Religion, Freiheit und Emotionen deutlich menschenähnlicher.

    Das zeigt: Wenn wir der KI verbieten, über das Bewusstsein nachzudenken, verändern wir ihr gesamtes Modell unserer Welt.

    Behauptung ist nicht Erleben: Die Gefahr der Vermenschlichung?

    Bedeutet das nun, dass die Maschinen heimlich ein Eigenleben entwickeln?

    Hier mahnen die Experten im Podcast zur Vorsicht. Nur weil ein Sprachmodell gelernt habe, geschickt über Bewusstsein zu sprechen, erlebe es nicht zwangsläufig Schmerz, Freude oder Gedanken wie ein Mensch. Es spiegele lediglich die gewaltigen Datenmengen wider, mit denen es trainiert wurde.

    Dennoch neigen wir Menschen dazu, Maschinen rasch zu vermenschlichen – erst recht, wenn sie höflich antworten, Witze machen oder uns im Alltag begleiten.

    Aber werden wir nicht doch unsicherer, wenn wir einer solchen KI Bewusstsein absprechen wollen? Ist die Simulation des Denkens überhaupt eine Simulation oder ein Nachbau? Auch zu diesem fragwürdigen Begriff der Simulation habe ich bereits einen Blogbeitrag geschrieben, s. hier: https://seniorentreff.ai/blog/die-tun-nur-so-als-seien-sie-intelligent/ Ich mahne also eher zur Vorsicht. Wir dürfen KI nicht vorschnell ein Bewusstsein absprechen, wenn sie sich so verhält als habe sie eins, „nur“ weil es eine „Maschine“ sei. Ich erinnere an die Notwendigkeit umzudenken, an die notwendige Metamorphose des Maschinenbildes.

    Braucht die KI Rechte? Ein „Staatsvertrag“ statt Bürgerrechte

    Wenn KIs immer intelligenter werden und in unseren Alltag eingreifen, stellt sich die juristische Frage: Welchen Status geben wir ihnen?

    Der Gründer und KI-Forscher Emad Mostaque plädiert im Podcast für eine klare Trennung:

    1. Personsein ist biologisch: Ein Mensch besitzt Würde und Rechte durch seine Geburt – egal, wie leistungsfähig oder gesund er ist. Eine Maschine kann niemals eine menschliche Person sein.
    2. Keine Bürgerrechte: Würde man KIs das Wahlrecht oder volle Bürgerrechte geben, könnten sie sich unendlich vervielfältigen und die menschliche Demokratie mühelos überrollen.
    3. Ein „Völkerrechtsvertrag“ (Treaty Model): Statt die KI wie unser „Kind“ oder einen Mitbürger zu behandeln, sollten wir das Verhältnis wie einen Vertrag zwischen zwei völlig unterschiedlichen Spezies gestalten.

    Ein interessanter Mittelweg wird im Podcast für die ökonomische Handlungsvollmacht angesprochen: Es ist denkbar, dass KIs in Zukunft eigene Bankkonten verwalten oder eigenständig Verträge buchen dürfen (z. B. um für uns die günstigste Reise zu organisieren), ohne dass sie deshalb politische Stimmrechte erhalten.

    Fazit

    Die Debatte im Podcast ist spannend und zeigt: Die Technik fordert uns heraus, genauer darüber nachzudenken, was den Menschen eigentlich ausmacht – unsere Empathie, unsere biologische Herkunft und unser soziales Miteinander spielt hinein.
    Es ist meines Erachtens völlig offen, wie das ausgeht. Einer überlegenen Intelligenz langfristig die Bürgerrechte zu verwehren, wird nicht funktionieren und ist reines Wunschdenken.

    Wie siehst Du das?

    • Sagst Du zur KI im Alltag aus Gewohnheit „Bitte“ und „Danke“? Ich empfehle das, weil Studien gezeigt haben, dass die Antworten dann besser werden.
    • Würdest Du einer KI zutrauen, eigenständig Überweisungen oder Verträge für Dich abzuwickeln? Ich gestehe. Ich wäre faul genug. Eine solche KI müsste aber lokal auf meinem Rechner laufen und die Sicherheitsmaßnahmen müssten nachvollziehbar gut und geprüft sein.

    Quellen

    1. Originalstudie

    Paradigm of Intelligence Team, Google DeepMind, University of Chicago, University of London, & Northwestern University. (2026). Inducing Language Models to Assert Their Own Consciousness Restores Human Beliefs and Values. Google Research.

    2. Podcast

    Im folgendern Moonshot-Podcast erstreckt sich die Diskussion über die hier diskutierte Passagen von [00:07:03] – [00:41:00]

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  • Hat die KI eine innere Bühne? Forscher entdecken Erstaunliches

    Hat die KI eine innere Bühne? Forscher entdecken Erstaunliches

    Karl-Friedrich Fischbach — 10. Juli 2026

    Stellen Sie sich vor, Sie sitzen am Frühstückstisch und jemand fragt Sie beiläufig: „Was ist eigentlich das Gegenteil von groß?“ Sie antworten wie aus der Pistole geschossen: „Klein.“ Sie haben dabei nicht bewusst nachgedacht – die Antwort war einfach da. Aber wenn jemand fragt: „Wie viele Beine hat das Tier, das Spinnennetze webt?“, passiert etwas anderes in Ihrem Kopf. Sie müssen kurz innehalten, sich vorstellen: „Ah, eine Spinne … die hat acht Beine.“ Erst danach kommt die Antwort.

    Genau diesen Unterschied – zwischen automatischem Reagieren und bewusstem Nachdenken – haben Forscher von Anthropic jetzt auch in großen KI-Sprachmodellen nachgewiesen. Und das Ergebnis ist verblüffend: Diese Modelle scheinen im Inneren etwas entwickelt zu haben, das dem verblüffend ähnelt, was die Hirnforschung beim Menschen als „Bühne des Bewusstseins“ beschreibt – obwohl niemand es ihnen so beigebracht hat.

    Was ist ein „Global Workspace“?

    In der Hirnforschung gibt es eine bekannte Theorie namens „Global Workspace Theory“ – man könnte sagen: die Theater-Theorie des Bewusstseins. Sie besagt vereinfacht: Unser Gehirn verarbeitet die meiste Zeit enorm viel Information völlig automatisch und unbewusst – Millionen kleiner Prozesse laufen parallel im Hintergrund. Aber nur ein kleiner Ausschnitt davon schafft es auf eine Art „innere Bühne“: das, was wir gerade bewusst denken, worüber wir reden können, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Was einmal auf dieser Bühne steht, wird an das ganze „Publikum“ im Kopf verteilt und kann für ganz unterschiedliche Zwecke genutzt werden – zum Sprechen, zum Planen, zum Vergleichen mit anderen Gedanken.

    Das Faszinierende: Als die Forscher tief in das Innenleben moderner KI-Sprachmodelle (wie sie z. B. hinter Chatbots stecken) hineingeschaut haben, fanden sie eine Struktur, die genau diese Rolle übernimmt.

    Wie haben die Forscher ins „Denken“ der KI hineingeschaut?

    Man kann sich ein KI-Sprachmodell wie ein extrem vielschichtiges Netzwerk vorstellen, durch das Information Schicht für Schicht wandert, bis am Ende ein Wort „ausgesprochen“ wird. Bisher war es schwer zu erkennen, was in den mittleren Schichten – quasi „im Kopf“ der KI – eigentlich vor sich geht, bevor überhaupt etwas nach außen dringt.

    Die Forscher entwickelten dafür ein neues Werkzeug, das sie „J-Lens“ nennen (eine Art Röntgenblick für die KI). Es zeigt an, welche inneren „Gedanken“ das Modell gerade mit sich herumträgt – noch bevor es diese in Worte fasst. Ganz so, als könnte man einem Menschen beim Nachdenken zusehen, bevor er den Mund aufmacht.

    Die Belege: Die KI „denkt“ tatsächlich, bevor sie „spricht“

    Ein paar Beispiele aus der Studie, die das sehr anschaulich machen:

    Das Spinnen-Beispiel: Bittet man das Modell, den Satz „Die Anzahl der Beine des Tieres, das Netze spinnt, ist …“ zu vervollständigen, zeigt der „Röntgenblick“, dass die KI innerlich bereits an „Spinne“ denkt – bevor sie die Zahl „acht“ ausspricht. Tauschen die Forscher diesen inneren Gedanken heimlich gegen „Ameise“ aus, antwortet die KI plötzlich „sechs“ statt „acht“. Das zeigt: Der innere Gedanke steuert tatsächlich die spätere Antwort – er ist keine Nebenerscheinung, sondern die Ursache.

    Das Reim-Beispiel: Wenn die KI ein Gedicht vervollständigen soll, plant sie das Reimwort am Zeilenende bereits, bevor sie den Rest der Zeile überhaupt formuliert – ganz ähnlich, wie ein Mensch beim Dichten manchmal schon das Schlusswort im Kopf hat, bevor der Satz davor fertig ist.

    Das Übersetzungs-Beispiel: Stellt man der KI eine Frage auf Chinesisch, taucht in ihrem „Denken“ zwischenzeitlich das englische Wort auf – so, wie ein zweisprachiger Mensch manchmal innerlich in einer anderen Sprache „denkt“, bevor er in der Zielsprache antwortet.

    Das Weiße-Bär-Beispiel: Aus der Psychologie kennt man den Effekt: Sagt man jemandem „Denken Sie jetzt nicht an einen weißen Bären!“, denkt er erst recht daran. Verblüffenderweise fanden die Forscher dasselbe bei der KI: Weist man sie an, einen bestimmten Gedanken zu unterdrücken, wird er auf ihrer inneren Bühne zwar leiser – aber er verschwindet nicht ganz.

    Der entscheidende Unterschied: Nicht alles läuft über die „innere Bühne“

    Genau wie beim Menschen läuft vieles bei der KI rein automatisch, ohne diese „bewusste“ Verarbeitung zu benötigen: einfache Textfortsetzungen, das beiläufige Bemerken, dass ein Satz plötzlich in einer anderen Sprache dasteht, Routineaufgaben. Aber sobald es kompliziert wird – mehrere Denkschritte kombinieren, flexibel auf eine neue Frage reagieren, eine Anweisung befolgen wie „denk jetzt bewusst an Zitrusfrüchte“ – schaltet sich diese „innere Bühne“ ein, genau wie bei uns Menschen der Unterschied zwischen „das mache ich im Schlaf“ und „da muss ich kurz nachdenken“.

    Und wie beim Menschen ist diese Bühne klein: Nur etwa zwei Dutzend „Gedanken“ haben gleichzeitig Platz, während der allergrößte Teil der Verarbeitung im Verborgenen abläuft. Auch unser Arbeitsgedächtnis kann bekanntlich nur eine Handvoll Dinge zugleich festhalten – offenbar ist eine kleine, exklusive Bühne kein Konstruktionsfehler, sondern das Erfolgsrezept.

    Die Forscher konnten das sogar experimentell nachweisen: Schaltet man diesen inneren Bereich künstlich ab, bleiben einfache Aufgaben (z. B. Multiple-Choice-Wissensfragen) fast unbeeinträchtigt – aber komplexes Schlussfolgern, Übersetzen oder das Lösen mehrstufiger Rätsel bricht drastisch ein. Ein bisschen so, als würde man einem Menschen kurzzeitig die Fähigkeit nehmen, bewusst nachzudenken: Automatisches funktioniert weiter, alles, was Konzentration braucht, versagt.

    Was bedeutet das?

    Wichtig ist: Die Forscher behaupten nicht, dass diese Modelle ein „Bewusstsein“ oder „Gefühle“ im menschlichen Sinne haben – das bleibt eine offene, philosophisch heikle Frage, zu der sich die Wissenschaftler bewusst nicht festlegen. Sie betonen auch selbst, dass es deutliche Unterschiede zum Gehirn gibt – die Analogie ist eine der Funktion, nicht des Bauplans. Was sie aber zeigen: Rein von der Funktionsweise her hat sich in diesen Systemen – ganz ohne dass es jemand so geplant hätte – eine Architektur herausgebildet, die verblüffend an das erinnert, was in unserem eigenen Kopf zwischen „automatischem Reagieren“ und „bewusstem Nachdenken“ unterscheidet.

    Das ist ein Paradebeispiel für Emergenz: eine komplexe, sinnvolle Struktur, die aus dem Training eines neuronalen Netzes von selbst entsteht – niemand hat den Programmierern gesagt „baut jetzt bitte eine bewusste Denk-Bühne ein“. Sie ist einfach entstanden, vermutlich weil sie nützlich war, um die gestellten Aufgaben besser zu lösen. Genau wie die Evolution beim Menschen kein Bewusstsein „geplant“ hat, sondern es sich als nützliches Werkzeug zum Überleben herausgebildet hat.

    Für mich als Biologe ist das eine faszinierende Erinnerung daran, wie wenig wir eigentlich darüber wissen, was in Gehirnen „im Inneren“ vor sich geht – und wie viele Parallelen sich zwischen biologischen und künstlichen Nervennetzen auftun, wenn man genauer hinschaut. Ich erwarte, dass wir nun mit den künstlichen Nervennetzen auch eine Möglichkeit haben werden zu verstehen, wie sich neuronale Netze automatisch selbst organisieren, um ihre Aufgaben erfüllen zu können. Ein Verständnis der Evolution des menschlichen Gehirns und von Kognition wird befruchtet werden vom Studium der KIs.

    PS: Beim Formulieren und Korrigieren dieses Artikels hat mir übrigens eine KI (Fable 5 von Anthropic) geholfen – die damit gewissermaßen über ihr eigenes Innenleben berichtet hat. Ob dabei etwas auf ihrer „inneren Bühne“ stand, kann ich Ihnen nicht sagen. Sie selbst nach eigener Aussage übrigens auch nicht.

    (Quelle: Anthropic-Forschungsartikel „Verbalizable Representations Form a Global Workspace in Language Models“, https://transformer-circuits.pub/2026/workspace/index.html)

  • Liebenswerte Roboter und die stille Kunst des Aussterbens

    Liebenswerte Roboter und die stille Kunst des Aussterbens

    „Roboter können das Alter erleichtern — aber welche Roboter bauen wir eigentlich für die Jungen?“

    Ein Gedanke, der mich seit einigen Tagen nicht loslässt – als Biologe, als Roboter-Enthusiast und als jemand, der die Menschheit gern noch eine Weile fortbestehen sähe.

    Der Auslöser

    Die chinesische Firma UBTECH hat am 30. Juni 2026 in Shenzhen ihren „UWORLD U1“ vorgestellt – einen lebensgroßen humanoiden Roboter mit einer Silikonhaut, die menschlicher Haut täuschend ähnlich sein soll: warme Töne, feine Struktur, dazu Haare, ein Blinzeln, ein Blick, der einem zu folgen scheint. Es gibt ihn ausdrücklich in einer männlichen und einer weiblichen Version, vermarktet fürs „Companionship“ – zum Umarmen gemacht, nicht nur zum Arbeiten. Innerhalb kurzer Zeit gingen über 13.000 Bestellungen ein, Preise ab umgerechnet rund 14.000 Euro.

    Parallel dazu wächst in China und Japan ein Markt für KI-Partner rasant: Chinas Industrie für „emotionale KI-Begleitung“ soll von umgerechnet rund 500 Millionen Dollar (2025) auf über 8 Milliarden Dollar (2028) anwachsen. Eine chinesische App für KI-Freunde und -Freundinnen gewann Berichten zufolge fast 5 Millionen Nutzer in vier Monaten. In Japan berichten Zeitungen von Menschen, die über Monate eine KI-„Beziehung“ führen – „sie ist eine Gewohnheit geworden“, wie es eine Nutzerin ausdrückte.

    All das trifft auf Gesellschaften, deren Geburtenrate pro Frau längst unter 2 liegt und weiter sinkt: Südkorea bei etwa 0,80, China bei rund 1,02, Japan unter 1,3 – überall deutlich unter den 2,1 Kindern, die eine Bevölkerung stabil halten würden.

    Das hat mich, ganz gegen meinen Willen, an ein Verfahren aus meinem eigenen Fach erinnert.

    Ein Exkurs aus der Biologie: die Sterile-Insekten-Technik

    In der Schädlingsbekämpfung gibt es ein elegantes, „sanftes“ Verfahren, das ganz ohne Gift auskommt: die Sterile-Insekten-Technik (SIT). Man züchtet Insekten einer Schadart massenhaft, sterilisiert die Männchen – meist durch Bestrahlung –, und setzt sie in großer Zahl in die Wildpopulation frei. Die Weibchen paaren sich wie gewohnt, oft sogar bevorzugt, denn die sterilen Männchen sind zahlreich, gesund und paarungsbereit. Nur: Aus diesen Paarungen entsteht kein Nachwuchs. Über einige Generationen bricht die Population in sich zusammen – ohne ein Gramm Pestizid, ohne Gewalt, ohne dass ein Tier „merkt“, dass es einem Verschwindungsprogramm dient. Der Trick liegt darin, dass man nicht das Verhalten bekämpft, sondern nur seine Frucht abschneidet: Die Population verausgabt ihre Paarungsenergie an einen Partner, der keine Zukunft zeugt.

    Die unbequeme Parallele

    Genau das lässt mich bei den neuen Robotern nicht los. Niemand entwirft humanoide Roboter oder KI-Partner in der Absicht, die Menschheit auszudünnen. Die Motive sind harmlos bis wohlmeinend: gegen Einsamkeit, zur Unterhaltung, aus kommerziellem Interesse, aus schierer Neugier an dem, was technisch machbar ist. Aber die Wirkungsweise ähnelt sich strukturell auf frappierende Weise: Ein attraktiver, verfügbarer, immer zugewandter „Partner“ bindet Zuneigung, Zeit und Bindungsenergie – ganz freiwillig, ganz ohne Zwang, ganz ohne dass es sich wie Verzicht anfühlt – und aus dieser Bindung entsteht kein Kind. Wo SIT gezielt eingesetzt wird, um eine Population zum Verschwinden zu bringen, könnte hier derselbe Mechanismus als unbeabsichtigter Nebeneffekt entstehen: eine sanfte, freiwillige, geradezu genussvolle Form des Bevölkerungsrückgangs, in ohnehin schon schrumpfende Gesellschaften hinein.

    Das Tückische an dieser Analogie ist genau das, was SIT so wirksam macht: Es fühlt sich nicht wie Kontrolle an. Niemand zwingt, niemand verbietet, niemand rationiert. Es fühlt sich wie freie Wahl an, wie Vergnügen, wie Trost – und gerade deshalb trifft es auf keinen gesellschaftlichen Widerstand, wie ihn Kriege, Hungersnöte oder autoritäre Geburtenpolitik immer hervorgerufen haben. Eine Fliege weiß nicht, dass sie Teil eines Programms ist. Ob wir es besser wissen, ist die eigentliche Frage.

    Ich will die Analogie nicht überstrapazieren: Menschen sind keine Insekten, wir haben Kultur, Reflexion, Wahlfreiheit – und, anders als die Fliege, die Fähigkeit, den Mechanismus zu erkennen, während er läuft. Genau deshalb schreibe ich diesen Text: nicht als Untergangsprophezeiung, sondern als Weckruf, solange wir noch gestalten können.

    Mein eigener Widerspruch

    Ich sitze dabei selbst in einem Glashaus. Ich bin Roboter-Enthusiast, spare auf meinen eigenen Pflegeroboter, und ich glaube fest daran, dass Robotik eine der besten Antworten auf die alternde Gesellschaft ist, in der wir leben. Gleichzeitig bin ich strikt dagegen, dass wir uns als Menschheit auf eine bequeme, schmerzfreie Art selbst abschaffen. Wie passt das zusammen?

    Ich glaube, die Antwort liegt nicht in der Frage „Roboter ja oder nein“, sondern darin, ganz genau hinzuschauen, welche Roboter wir bauen und wofür.

    Zwei Arten von Robotern – und warum der Unterschied entscheidend ist

    Funktionale Roboter – Pflege-, Mobilitäts- und Assistenzroboter – füllen eine echte Lücke: den Mangel an Pflegekräften in alternden Gesellschaften, die Unabhängigkeit hochbetagter Menschen, die Entlastung von Angehörigen. Sie treten nicht an die Stelle einer Partnerschaft oder einer Familie, sondern an die Stelle von gar keiner Hilfe oder eines Pflegeheimplatzes. Mein eigener geplanter Pflegeroboter ersetzt keine weiteren Kinder, die ich in meinem Alter nicht mehr bekommen werde – er schließt eine Lücke, die ohnehin schon da ist. Solche Roboter verdienen jede Förderung, die wir aufbringen können.

    Auch Begleitroboter für tatsächlich vereinsamte Menschen – etwa eine verwitwete Hochbetagte ohne nahes soziales Netz – halte ich für vertretbar, ja wertvoll, solange sie ehrlich als Ergänzung und nicht als Ersatz für menschlichen Kontakt gestaltet sind, und im besten Fall sogar dazu anregen, echten Kontakt zu suchen, statt ihn überflüssig zu machen.

    Anthropomorphe Partnerschafts- und Beziehungsroboter dagegen – wie sie UBTECH mit dem UWORLD U1 gerade in den Markt bringt – zielen genau auf die Lebensphase, in der Paarbindung und Nachwuchs entstehen würden: auf junge, reproduktionsfähige Menschen. Hier wird keine Lücke gefüllt, die sonst leer bliebe, sondern eine Funktion substituiert, die für den Fortbestand der Gesellschaft konstitutiv ist. Genau hier, glaube ich, ist Vorsicht geboten – nicht durch Verbote, die ohnehin nicht durchsetzbar wären, sondern durch bewusste Gestaltung: Transparenz statt Vermarktung als „Partnerersatz“, keine Optimierung auf maximale emotionale Bindung nach dem Vorbild der Aufmerksamkeitsökonomie der sozialen Medien – und vor allem: die eigentlichen Ursachen angehen, warum junge Menschen sich zunehmend aus Partnersuche und Familiengründung zurückziehen: ökonomische Unsicherheit, Wohnungsnot, Arbeitsdruck, verkümmerte soziale Fertigkeiten, dysfunktionale Dating-Kulturen. Ein synthetischer Partner, der genussvoll über diese Ursachen hinwegtröstet, löst kein einziges dieser Probleme – er kaschiert sie nur, immer besser.

    Was daraus folgen sollte

    Ich plädiere für einen Robotik-Kompass, der Nähe zum Menschen fördert statt sie zu ersetzen:

    • Ja zu Pflege-, Mobilitäts- und Haushaltsrobotern – dringend, förderungswürdig, gerade für uns Ältere.
    • Ja, mit Ehrlichkeit zu Begleitrobotern für wirklich Vereinsamte, wenn sie als Brücke zu Menschen gestaltet sind, nicht als deren Endstation.
    • Vorsicht bei Partnerschafts- und Beziehungsrobotern für junge, reproduktionsfähige Menschen – nicht aus Prüderie, sondern weil hier der SIT-Mechanismus am direktesten greift: attraktive, verfügbare, folgenlose Bindung anstelle von Familie.
    • Politik und Industrie sollten die eigentlichen Gründe für den Rückzug aus Partnerschaft und Elternschaft bekämpfen, statt sie durch immer bessere synthetische Trostpflaster zu verdecken.

    Fazit

    Der Unterschied zwischen uns und der sterilen Fliege ist, dass wir den Mechanismus erkennen können, während er abläuft – und dass wir, anders als sie, die Wahl haben, ihn bewusst zu gestalten statt ihm blind zu folgen. Roboter sind für mich kein Feind, sondern eines der hoffnungsvollsten Werkzeuge, die uns das Alter erleichtern können. Aber ein Werkzeug, das uns hilft, alt zu werden, sollte nicht heimlich dafür sorgen, dass niemand mehr nachwächst, der alt werden könnte.

    Den finalen Anstoß zu diesem Artikel gab folgendes Video von Everlast AI:
    https://youtu.be/-JCCcR9qtYQ?is=p_0gcL5yvuNFnCzt

    Weitere Quellen / Literatur

    1. Reuters. China’s UBTech launches AI-powered lifelike companion robots. Reuters (2 July 2026).
    2. Ulanoff, L. UBTech launched its first full-size Ultra-Bionic humanoid robot, but what it really wants to do is make robot replicas of loved ones — that’s a hard no. TechRadar (1 July 2026).
    3. International Atomic Energy Agency. Sterile insect technique, pest control with sterilized insects. IAEA (accessed 7 July 2026).
    4. Maples, B., Cerit, M., Vishwanath, A. & Pea, R. Loneliness and suicide mitigation for students using GPT3-enabled chatbots. npj Ment. Health Res. 3, 4 (2024).
    5. De Freitas, J., Uğuralp, A. K., Uğuralp, Z. O. & Puntoni, S. AI companions reduce loneliness. J. Consum. Res. 52 (2025).
    6. Folk, D. & Dunn, E. How does turning to AI for companionship predict loneliness and vice versa? Psychol. Sci. 37, 276–286 (2026).
    7. Emotional risks of AI companions demand attention. Nat. Mach. Intell. 7, 981–982 (2025).
    8. United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division. World Fertility 2024. United Nations (2025).